10.04.2020

Karfreitagsgedanken

Eindrücke eines besonderen Tages

Eigentlich sollte dies ein Text zu Ohnmacht und Macht werden – angesichts des Kreuzes unter dem Titel „Gedanken zum Karfreitag“. Aber nun kommt es anders. Dieser Karfreitag ist so anders – wie alle Karfreitag zuvor, soweit ich mich bis in die Kindheit erinnern kann.

Für manche Oggersheimer ist der Karfreitag 1945 noch in Erinnerung. In jenen Tagen waren die letzten Kampfhandlungen, bevor die Amerikaner durch die Wormser Straße einrückten. Voraus ging noch heftiger Flak-Beschuss, dessen Spuren auch lange an der Wallfahrtskirche zu sehen war. Heute sind davon vielleicht noch Spuren zu erahnen – wenn man weiß, wo. Das kenne ich aber nur aus Erzählungen hochbetagter Pfarreimitglieder, die gelegentlich bei Besuchen am Geburtstag ins „Verzähle kumme“.

Wie in den vergangenen Tagen auch stand ich zu (mittlerweile gewohnter) früher Zeit auf. Heute konnte ich etwas länger beim Frühstück verweilen, da natürlich keine Frühmesse mit dem Papst war. So ließ ich mich durch die zum Feiertag passende Musik und Moderation durch meinen Lieblingssender SWR 2 auf den Tag einstimmen. Hörenswert war die Aula mit dem Philosophen Hans Joas über das Heilige (Wdh. aus 2018). Entgegen der Behauptung Max Webers sieht er keine Entzauberung der Religion. Heute, wie zu allen Zeiten, erleben Menschen „außeralltägliche Erfahrungen“ (Weber), die aus dem Strom des Lebens herausragen. Dies sind Momente der Selbsttranszendenz, die uns in eine Krise des normalen Lebens führen, sowohl im Positiven (z. B. im Verlieben) wie im Tragischen (z. B. Tod). Dabei kommen wir in Berührung mit Kräften, die stärker sind als wir. Orte, Zeiten oder Gegenstände werden uns zu Trägern so einer Kraft, an die wir uns möglicherweise ein lebenslang szenisch erinnern. Diese intensiven Kraftzuschreibungen nennt er „heilig“. Dabei beruft er sich auf religionswissenschaftliche Denker am Anfang des letzten Jahrhunderts, die das Folgeverhältnis von Religion und heiliger Erfahrung umgedreht haben: Religionen sind demnach Versuche solche Erfahrungen zu systematisieren, verständlich zu machen und weiterzugeben. Die Erfahrungen des Heiligen können, müssen aber nicht, in Religion führen – was den Gedankenaustausch mit Gläubigen und Nichtgläubigen ermöglicht.

Intensive Erfahrungen machen in Zeiten von Corona alle Menschen. Dies erlebe ich in den letzten Wochen als Bereicherung und Chance zugleich. Mit Menschen in ein Gespräch zu kommen – jenseits des üblichen „Small Talks“ ist schon fast der Normalfall. Dies ist auch nicht davon abhängig, ob ich in meiner kirchlichen Funktion erkennbar bin, wie auf dem Rückweg von einer Trauerfeier vom Friedhof zur Ruchheimer Kirche. Dies geschieht auch auf der Straße mit mir wildfremden Menschen. Ich finde, das hat Papst Franziskus an jenem Abend allein auf dem weiten Petersplatz treffen ausgedrückt: Wir alle - die ganze Menschheit - sitzen in einem Boot. Jetzt kommt es auf uns an. Wie gehen wir mit unserer Angst um? Sind wir kleingläubig oder haben wir den Mut Jesus zu wecken? Und der Sturm, der in uns tobt, legt sich. Gerade muss ich an einen Satz denken, den Etty Hillesum - eine jüdische Holländerin, die mit 29 Jahren in Auschwitz zu Tode kommt - in ihrem Tagebuch geschrieben hat: „Ich habe erfahren, dass man alles Schwere in Gutes verwandeln kann, indem man es trägt.“

Diese Erfahrungen haben auch die bekannten Theologen Alfred Delp und Dietrich Bonhoeffer gemacht, dessen Gebete den Abschluss eines sehr gelungenen evangelischen Gottesdienstes aus der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche bildeten. Die Predigt zum Schrei Jesus am Kreuz „Mein Gott, mein Gott…“ (erster Teil des Ps 22 als Eingangspsalm) lohnt sich in der ARD-Mediathek nachzuhören.

Heute ist ein anderer Karfreitag. Befreit von Geschäftigkeit in der Vorbereitung von Kreuzweg oder Liturgie bleibt mir heute Zeit der Ruhe, des Gebetes und der Mitfeier der Karfreitagsliturgie [eine packende und prophetische Predigt hielt P. Raniero Cantalamessa, ofmcap im Petersdom!] und am Abend das innerliche Mitgehen des Kreuzweges in Rom – der in diesem Jahr so ganz anders ist, auch in seinen Texten von Menschen, die von Leid intensiv betroffen.

Gehen wir zusammen, verbunden im Menschsein, verbunden in unseren Hoffnungen, Ängsten und im Vertrauen durch diese Tage – die uns Christen heilig sind.

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